aktualisiert: 20.1.2006
12 Hereditäre Optikusatrophien
Einführung und Überblick
- Hereditäre Optikusatrophien sind seltener als Netzhaut-Aderhautdystrophien
- Die häufigsten Formen sind die Leber'sche hereditäre Optikusneuropathie und die autosomal dominante Optikusatrophie
- Hereditäre Optikusatrophien sind differenzialdiagnostisch von Bedeutung gegenüber erworbenen Formen der Optikusatrophie (Glaukom, toxisch) und gegenüber hereditären Netzhaut-Aderhautdystrophien
- Bei vielen hereditären Netzhaut-Aderhautdystrophien kommt es zu atrophischen Veränderungen der Papille. Typisch ist eine wachsgelbe, blasse Papille bei Retinitis pigmentosa und eine temporale Papillenabblassung bei Zapfen- und Zapfen-Stäbchendystrophien
- Zur Differenzialdiagnose bei blassem Optikus ist ein ERG hilfreich: es ist pathologisch bei retinaler Ursache und normal bei Ursachen in den Ganglienzellen oder in der weiteren Sehbahn. Ein VEP dagegen kann bei schlechter Zapfenfunktion auch bei retinaler Ursache pathologisch sein und damit fälschlicherweise zur Diagnose Optikusatrophie führen
- Eine Differenzierung zwischen der Leber'schen hereditären Optikusneuropathie und der autosomal dominanten Optikusatrophie ist bei Einzelfällen je nach Krankheitsausprägung nur durch molekulargenetische Diagnostik möglich
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Lebersche hereditäre Optikusneuropathie (LHON)
- Englisch: Leber hereditary optic neuropathy (LHON)
- Häufigkeit: häufig
- Genetik:
- mitochondrial vererbt, es existieren vier häufigere Mutationen (np11778 (50-70%), np3460, np14484, np14498) sowie ein Reihe von Mutationen, die nur in einzelnen Familien beobachtet wurden
- aus noch unbekannten Gründen erkranken vorwiegend Männer
- Symptomatik:
- Bei Männern kommt es in der Regel zu einer einseitigen, plötzlichen Visusminderung innerhalb ein bis weniger Tage, gefolgt von einer Visusminderung am anderen Auge innerhalb von Wochen bis wenigen Monaten
- Eine Funktionserholung ist selten
- Bei Frauen ist die Visusminderung nicht selten weniger ausgeprägt und der Verlauf kann langsamer sein
- Der Gipfel der Erkrankungsmanifestation liegt bei ca. 25 Jahren, wobei ein Auftreten von der 1. bis zur 6. Lebensdekade möglich ist
- Bei beiden Geschlechtern sind atypische Verläufe nicht selten, so dass bei unklarer Optikusatrophie differenzialdiagnostisch an eine LHON gedacht werden sollte
- Eine einseitige Manifestation kommt selten vor
- Morphologie:
- Ophthalmoskopie:
- Die Netzhaut ist in der Regel unauffällig
- Die Papille ist im akuten Stadium häufig hyperämisch und es können peripapilläre Teleangiektasien bestehen
- Im Spätstadium meist vollständige, seltener temporal begrenzte Optikusatrophie
- Funktionsdiagnostik:
- Visus: Meist erheblich reduziert (1/20-1/35)
- Farbensehen: ausgeprägte unspezifische Störungen
- Gesichtfeld: Ausgeprägte zentrale Skotome
- Ganzfeld-ERG: normal
- Muster-VEP: in der Regel für alle Reizmustergrößen keine nachweisbaren Reizantworten
- Therapie:
- Keine kausale Therapie
- Abhängig von der Visusminderung vergrößernde Sehhilfen
- Der Konsum von Alkohol und Nikotin sind als mögliche exogene Ursachen in der Diskussion. Eine Vermeidung von Alkohol- und Nikotingenuss ist, solange keine eindeutigen Daten vorliegen und keine sichere Therapiemöglichkeit besteht, allen Risikopersonen (=Mutationsträgern) zu empfehlen
- Besonderheiten:
- Da Frauen aus noch unbekannten Gründen seltener erkranken als Männer, und da aufgrund der mitochondrialen Vererbung nur über die Eizelle der Frau die veränderte DNA der Mitochondrien an alle Nachkommen weitergegeben wird, treten nicht selten Einzelfälle innerhalb einer Familie auf
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Autosomal dominante Optikusatrophie (adOA, Kjer-Typ)
- Synonym: -
- Englisch: autosomal dominant optic atrophy
- Häufigkeit: relativ häufig
- Genetik:
- Mutationen im OPA1-Gen (30-50%)
- weitere chromosomale Lokalisation: OPA4
- Symptomatik:
- sehr variable Expression, so dass nicht selten in einer Familie Mutationsträger subjektiv beschwerdefrei sind
- Die Symptomatik reicht von einer leichten, seit Kindheit bestehenden Visusminderung bis hin zu ausgeprägter Visusminderung mit Zentralskotomen
- Ebenso wie die Ausprägung kann der Verlauf zwischen stationär und progredient variieren
- Morphologie:
- Ophthalmoskopie:
- Der Netzhaut ist regelrecht
- Die Papille zeigt eine temporale Abblassung bis hin zur kompletten Optikusatrophie, manchmal besteht eine deutliche Exkavation
- Funktionsdiagnostik:
- Visus: variabel reduziert
- Farbensehen: meist Farbsinnstörungen variabler Ausprägung
- Gesichtfeld: Normal bis hin zu ausgeprägten zentralen Skotomen
- Ganzfeld-ERG: regelrecht
- Multifokales ERG: meist regelrecht, teilweise wurden Gipfelzeitverlängerungen beobachtet, möglicherweise sind diese jedoch auch ableitungsbedingt
- Muster-VEP: abhängig von der Ausprägung kann das VEP normal, mäßig verändert oder nicht mehr meßbar sein. Ein normales Muster-VEP schließt eine adOA nicht aus
- Therapie:
- Keine kausale Therapie
- Abhängig von der Visusminderung vergrößernde Sehhilfen
- Besonderheiten:
- für das OPA1-Gen besteht möglicherweise eine Assoziation mit Normaldruckglaukom
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X-chromosomale Optikusatrophie
- Häufigkeit: extrem selten
- Genetik: chromosomale Lokalisation: OPA2
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Autosomal rezessive Optikusatrophie
- Häufigkeit: extrem selten
- Genetik: chromosomale Lokalisation: ROA1
Andere Optikusatrophien
- Hereditäre Optikusatrophien mit anderen Vererbungsmodi oder im Zusammenhang mit bestimmten Syndromen sind extrem selten:
- Optikusatrophie mit Ataxie und Azidurie: Mutationen im OPA3-Gen
- Optikusatrophie mit Taubheit und Dystonie: Mutationen im TIMM8A-Gen
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